AV Frisia Hannover
Technische Disziplinen erfordern ethische Diskurse
Die AV Frisia geht allzeit voran
Technische Disziplinen erfordern ethische Diskurse
Den Weg zur AV Frisia zu finden, fallt nicht schwer. Das Haus der Verbindung liegt in Sichtweite des Conti-Campus der Leibniz-Universität Hannover und nur wenige Schritte von der U-Bahnstation Königsworther Platz entfernt. Als Studienort bietet Hannover wirklich viel. Die Hochschulen bieten ein so breites Spektrum an Studiengängen an, wie man es sonst wohl nur noch in Berlin oder München vorfindet. Insbesondere die MINT-Studiengänge an der Leibniz-Universität, aber auch die anderen Universitäten und Hochschulen genießen in den Bereichen Medizin, Tiermedizin, Musik oder Wirtschafts- und Geisteswissenschaften ein hohes Ansehen. Aufgrund der Verteilung der Bildungsstatten im gesamten Stadtbereich hat man nie das Gefühl, in einer reinen Studentenstadt zu sein, aber auch nicht, sich nur in der Gemeinschaft der eigenen Fachdisziplin zu befinden.
Die Akademische Verbindung Frisia ist eine über einhundertzwanzig Jahre alte Studentenverbindung. Um zu erklären, was wir sind, ist es leichter, damit anzufangen zu erklären, was wir nicht sind: Frisia ist kein altes Haus, kein stickiger Thekenraum und auch keine Sammlung überkommener Schriften und Vorschriften. Wir sind kein Fechtclub, kein Faschingsverein und auch keine Bibelrunde.
Die Frisia sind wir. Und wir sind eine Gemeinschaft von gut 300 Studenten und Alten Herren, jeder mit eigener Fachrichtung, Geschichte, Perspektive und eigenem Charakter. Gemeinsam gestalten die Studenten ihre Zeit. Vielfältig sind dabei nicht nur die Unternehmungen, die sich von geselligen Abenden bis hin zu Ausflügen und Seminaren erstrecken, sondern auch die bei uns anzutreffenden Menschen.
Das spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der AV Frisia wider. Neben dem nach wie vor hohen Anteil von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern trifft man auch auf Mediziner, Pädagogen, Theologen, Juristen und Ökonomen. Zusätzlich werden regelmäßig auch immer wieder „Exoten“ aufgenommen, die z.B. Musik oder Versicherungswirtschaft studieren. Die Geschichte der Frisia ist geprägt von dem konsequenten Bezug ihrer Mitglieder zur katholischen Kirche. In ihrer Gründungsphase im preußisch-wilhel-minischen Kaiserreich wurden die Katholiken auch in Hannover im Zuge des Akademischen Kulturkampfs, initiiert durch Reichskanzler Bismarck, an der damaligen Technischen Hochschule und im gesellschaftlichen Leben benachteiligt. Die 1902 von Cartellbrüdern gegründete Verbindung trat sofort dem Cartellverband bei und erfreute sich großen Zuwachses. Schon bald konnte ein repräsentatives Domizil in der Hausmannstraße bezogen werden. Nach dem Ersten Weltkrieg bot Frisia den bildungshungrigen und teilweise entwurzelten katholischen Studenten eine Heimat, in der so wie bis heute der Austausch entsprechend den Prinzipien Religio, Scientia und Amicitia gepflegt wurde.
In den frühen 1920er Jahren wurde die Verbindung so groß, dass wir in Hannover unsere Tochterverbindung KDStV Teuto-Rhenania und in Braunschweig die KDStV Niedersachsen bei der Gründung unterstützten. Die Enteignung des Hauses durch die Nationalsozialisten und die Auflösung der Aktivitas 1938 führte nicht zu einem Auseinanderbrechen der Gemeinschaft. Auch ohne die modernen Kommunikationsmittel hielten die Frisen untereinander engen Kontakt, sodass die katholischen Studenten, die sich ab 1946 innerhalb der Hochschulgemeinde KHG zu dem Bernwardkreis zusammengeschlossen hatten, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Keimzelle einer neuen Aktivitas bildeten. Die Innenstadt Hannovers war genau wie das erste Verbindungshaus durch Bomben und Feuer nahezu vollkommen zerstört. Es gelang aber durch große Anstrengungen der Alten Herren und auch der neuen Aktiven 1954/55, das neue Haus auf einem Trümmergrundstück in der Oeltzenstraße zu errichten. Hier wohnen bis heute immer bis zu 16 Studenten maximal sechs Semester lang, und hier findet auch für alle anderen Aktiven und ihre Freunde ein Großteil des Studentenlebens statt. Lernen und arbeiten, feiern und ausruhen, reden und essen: Die regelmäßig renovierten und modernisierten Räumlichkeiten bieten Platz für vieles. Der Garten mit den alten Baumen nicht weit vom Stadtzentrum und von den Leineauen ist ein besonders beliebter Ort zwischen März und Oktober.
Nach der Wiederbegründung fanden besonders viele Studierende aus den verlorenen Ostgebieten, aber auch aus dem industriell geprägten Ruhrgebiet einen Studienplatz in der britischen Besatzungszone in Hannover. Die Altherrenschaft der Frisia unterstützte maßgeblich auch die St. Clemensgemeinde und die neue KSH. 1963 hatte die Verbindung erstmals die Ehre, den Vorort des Cartellverbandes zu stellen und eine beeindruckende Cartellversammlung durchzuführen. Sie fand ein Jahr nach einem Katholikentag in Hannover statt. Die Entwicklungen innerhalb der Kirche und die allgemeine Tendenz, sich farbentragenden Verbindungen gegenüber eher skeptisch zu verhalten, führten auch bei Frisia zu einem Rückgang der Receptionen, der jedoch durch die Babyboomerjahrgänge gebrochen wurde.
Am Ende der 80er Jahre waren die drei Hannoveraner Verbindungen wieder so stark, dass sie gemeinsam nochmals ein Vorortspräsidium stellten und eine Cartellversammlung organisierten. In der Zeit waren neben den politischen Entwicklungen nach dem Mauerfall auch große Veränderungen in der Technologie für die Gesellschaft zu verkraften. Extracorporale Befruchtung, Halbleitertechnologie, Tschernobyl, Mobilfunk oder Hyperschallflugzeuge seien hier genannt. Für die Studierenden insbesondere in den technischen Disziplinen bedeutete dies, sich parallel zur Fachwissenschaft noch verstärkter als bis daher mit sozialen und ethischen Fragen auseinanderzusetzen. Dafür bot und bietet die AV Frisia mit ihrer interdisziplinären Gemeinschaft, ihrem katholischen Fundament und ihrem Anspruch an die Mitglieder, sich gleichermaßen dem Studium, dem gesellschaftlichen Engagement und der Persönlichkeitsbildung zu widmen, beste Voraussetzungen.
Auch im aktuellen Vorortspräsidium stellen die Frisen vier von sieben Chargen, u.a. VOP Julian Halbritter und cVOP Nicolas Voß. Die Aktiven der Frisia sind gerne bei anderen Cartellverbindungen zu Gast und freuen sich auch über Besuche und zeitweilige Mitglieder aus dem Verband.
Die Alten Herren halten auch über weite Distanzen die Gemeinschaft über Regionaltreffen eng und lebendig. Bei dem seit 1972 jährlich stattfindenden Seminarwochenende „Hegge-Tagung“ in Willebadessen treffen sich immer bis zu fünfzig Frisen aus allen Altersgruppen zwischen 18 und 100 Jahren zum gemeinsamen Lernen und zum Austausch über aktuelle Themen. Viele der Alten Herren sind neben ihrer beruflichen Tätigkeit auch in kirchlichen, politischen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Gremien engagiert und setzen dort ihre während der Studienzeit erworbenen Kompetenzen für unsere Gesellschaft ein. Der Wahlspruch der Verbindung „Allzeit voran!“ ist für alle Mitglieder bedeutsam und lasst sie zuversichtlich auf die kommende Zeit schauen. Inzwischen sind die Mitgliederzahlen und die Receptionen wieder relativ konstant und die Frisia ist die größte katholische Verbindung in Hannover.
Carl-Christian Sievers (Fs)
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